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Die Veröffentlichungen zur Führung beginnen in den letzen Jahren eigentlich immer gleich. Sinngemäß heißt es: „Vor dem Hintergrund steigender Komplexität und einer zunehmenden Dynamik muss sich auch die moderne Führung ändern.“ Zunächst dazu der Hinweis, dass diese ersten Zeilen schon aus der Diskussion um strategische Führung aus den 80 Jahren sehr bekannt sind. Wenn also schon seit 30 oder fast 40 Jahren die Komplexität steigt und die Dynamik zunimmt, dann befinden wir uns in einem undurchdringlichen Geflecht, dass mit hoher Geschwindigkeit durch einen nicht näher definierten aber in sich hoch komplexen Raum reist. Der letzte Satz erinnert ein wenig an Astrophysik mit einem unbestimmten Raum, nicht definierten Gebilden und einer noch nicht verstandenen Zeitleiste. Wenn aber Komplexität und Dynamik über so lange Zeit als Ausgangspunkt für Überlegungen zur Führung herangezogen werden, dann müssen diese beiden Faktoren eine besondere Bedeutung haben. Sie sind allgemeine Umweltfaktoren, die uns zu neuem Denken und neuen Handeln veranlassen sollen. Warum sollen Unternehmen und Manager die Energie aufbringen, um auf Komplexität und Dynamik zu reagieren ? Eine Antwort könnte sein, dass beide Faktoren die Unternehmen bedrohen. Dann wäre es tatsächlich eine Führungsaufgabe, sich gegen die neuen Bedrohungen zu wappnen. Die Komplexität soll die Unternehmen nicht erschlagen und die Dynamik der Wirtschaft soll die Unternehmen nicht abhängen.

Eine neue Führung kann sich diesen wesentlichen Rahmenbedingungen nicht entziehen. Um die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen sicher zu stellen, ist es also notwendig, sich der Komplexität zu stellen. Aber was heißt es, sich dieser Herausforderung zu stellen. Versteht man es so, dass Unternehmen sich dieser Rahmenbedingung anpassen sollen, dann wäre die Führungsaufgabe passiv. Führung heißt nach allgemeinem Verständnis leiten und aktiv in eine Richtung lenken. Ein aktiver Umgang mit Komplexität bedeutet, die Komplexität zu besiegen. Aus der Herausforderung können dann sogar Chancen erwachsen. Das ist nämlich dann der Fall, wenn andere Marktteilnehmer nach wie vor in einer Komplexitätsfalle gefangen bleiben.

Die Dynamik zu besiegen, erscheint kein probates Mittel, um im harten Wettbewerb zu bestehen. Unternehmen, die versuchen gegen die Dynamik der Märkte zu arbeiten, können allenfalls kurzfristig erfolgreich zu sein. Also gilt in Bezug auf diese Rahmenbedingung mindestens mal mitzumachen. Eine bessere Führung sollte aber auch hier nicht nur eine passive Anpassung als Ziel haben. Besser ist es, durch Führung eine hohe Dynamik zu erzielen und Wettbewerber geradezu zu überholen. Das zweite Ziel der Führung ist also die Dynamik in Unternehmen erhöhen.

Komplexität besiegen und Dynamik schaffen.

Es sind sehr viel mehr Ziele der Führung bekannt. Wenn man Wirtschaft als Welt der Zahlen betrachtet, werden Aktienkurse, Cashflow, Produktivität, Gewinne und eine nahezu unendliche Zahl an Kontrollgrößen genannt. Wir können diese Ziele einem eher technokratischen Ast der Führung, den Management-Techniken zuordnen. In der soziologischen Führungslehre werden sowohl Ziele im Verhalten angestrebt, wie Mitwirken, Unterstützen, Vorantreiben, oder alle Formen des vernünftigen Miteinander in einer Organisation. Andere psychologische Ziele der Führung bestehen in einem positiven Erleben des unternehmerischen Umfeldes und der Führung. Hier geht es um Werte, Zufriedenheit, Vertrauen, Identifikation und zahllose weitere Aspekte. Die sozial-psychologischen Ziele lassen sich einem zweiten Ast der Führung, den Management-Tugenden zuschreiben.

Die hier angewendete Führungsphilosophie fokussiert sich allein auf die beiden Ziele Komplexität besiegen und Dynamik schaffen. Das ist eine sehr bewußte Entscheidung, denn es handelt sich um die beiden wesentlichen Herausforderungen in der Zukunft. Die Komplexität läßt sich gut dem eher sachlich- technokratischen Management zuordnen. Die Komplexität unserer Zeit steckt in den Strategien, Strukturen und Prozessen der Unternehmen. Die Dynamik läßt sich stark mit persönlich-soziologischen Management Aspekten in Verbindung bringen. Führung hat den Aspekt, Menschen zu bewegen. In dem Ausmaß in dem das gelingt, wird auch mehr oder weniger Dynamik geschaffen.

Einfachheit wieder gewinnen

Die Aufnahme weiterer Ziele des technokratischen Managements hätte eine erhöhten Komplexität der neuen Führung zur Folge. Mehrere Ziele wären im Sinne eines geschlossenen Zielsystems vertikal und horizontal zu ordnen. Die Aufgabe, die Zusammenhänge richtig herauszuarbeiten, ist nicht ganz einfach. Wir würden also mit einem komplexen System versuchen, Komplexität zu besiegen. Das ist offensichtlicher weise ein Widerspruch in sich.

Komplexität zu beherrschen kann man auch mit der Forderung verbinden, Dinge wieder einfach zu machen. Einfachheit hat leider seinen Stellenwert in der Gesellschaft und der Wirtschaft weitgehend eingebüßt. Wer hervortritt und sagt: “Das ist ganz einfach“, wird gerne als oberflächlich, inkompetent oder populistisch abgestempelt. Dabei sollte Einfachheit im Management das Ergebnis eines langen und komplexen Erkenntnisprozesses sein. Einfachheit, solange sie sich nicht mit Oberflächlichkeit paart, ist der Ausdruck eines grundsätzlichen Verständnisses. Nur eine weitgehend rationale und der Logik unterworfene Anstrengung führt zur Einfachheit. Mit dem Ziel, wieder Einfachheit in die Komplexität des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und unternehmerischen Umfeldes einziehen zu lassen, ist schon der erste Schritt zur Komplexitätsbewältigung getan. Wenn wir uns auf dieses Ziel einigen können, werden auch alle Betroffenen aktiv daran arbeiten. Dabei ist es am Ende egal, wie das im Einzelnen aussieht.

Menschen bewegen

Auch bei den häufig diskutierten persönlich-sozialen Ziele verdichten wir im Sinne einer Komplexitätsreduktion auf eine angestrebte Dynamik in Unternehmen. Das mag zunächst einmal wie eine übertrieben starke Abstraktion wirken. Doch es gibt eine klare Reihenfolge der Faktoren, die diesen Schritt rechtfertigt. Die Ziele des positiven Erlebens in einem Unternehmen dienen doch dem Zweck, die Grundlage für eine Verhaltensbeeinflussung zu legen. Insofern haben diese Aspekte der Führung nur einen mittelbaren Einfluß auf eine Zielerreichung. Die darauf aufbauende Verhaltensbeeinflussung soll in eine Richtung erfolgen. Bei Stillstand im Unternehmen braucht es wenig Führung bzw. sie verkommt zur Kontrolle. Will die Führung nicht nur jemanden, sondern auch etwas bewegen, muss Sie Beharrungskräfte, also Statik überwinden. Diese Bewegung von Menschen ist nicht nur ein temporäres, sondern ein dauerhaftes Anliegen und darum ist es dynamisch. Man kann es auch anders formulieren, Dynamik ist Bereitschaft und Fähigkeit zur Veränderung. Diese Bereitschaft und Fähigkeit zur Veränderung muß immer wieder neu geschaffen werden. Vor dem Hintergrund einer dynamischen Umwelt erscheint es zudem gerechtfertigt, schnelle Veränderungen zu fordern. Die Schildkröte oder Schnecke kann nicht das Ziel einer neuen Führung sein.