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Autor: Andrea Amerland

Interviewt wurde:
Dr. Gudo Schmidt – Management-Berater, Unternehmer und Philosoph

Springer Professional: Sie wenden die Philosophie der alten Griechen auf Führung an. Was verbirgt sich vor diesem Hintergrund bei Ihnen hinter dem Begriff Führungsphilosophie?

Guido Schmidt: Philosophie sucht nach der hintergründigen Wahrheit, die sich hinter der vordergründigen schnellen Wahrnehmung verbirgt. Führungsphilosophie beschreibt die grundlegenden Aspekte, die hinter den zahllosen Führungstechniken, Führungsstilen, Führungmethoden und Führungsinstrumenten stecken. Es geht um den Kern vom Kern der Führung.

Welche Ansätze aus der Philosophie der alten Griechen können denn zur Lösung aktueller Probleme in der Führung beitragen?

Das sind im wesentlichen zwei Dinge. Erstens geht es in der Philosophie um das Erkennen wesentlicher Zusammenhänge und die Gewinnung von Weisheit. Zweitens ist die Auseinandersetzung mit Werten eine Kernfrage der Philosophie.

Können Sie die Praxistauglichkeit dieses Ansatzes an einem kurzen Beispiel erläutern?

Der Fortschritt, die Digitalisierung und die Disruption erfordern ein neues Denken. Die Gesellschaft und die Wirtschaft haben mit Business Ethics und Umweltschutz, aber auch mit New Work die Wertefrage aufgenommen. Nehmen wir einmal die Digitalisierung. Dort wird angeregt, mit einem neuen Denken die bekannten Schubladen zu verlassen und neue Ökosysteme zu entwerfen. Die Forderung klingt gut, scheitert aber häufig an dem Umstand, dass unsere Gesellschaft die Spezialisierung hoch bewertet. Querdenken als wertvoll zu erachten und der Erfahrung des Spezialisten einen geringeren Stellenwert einzuräumen, ist eine philosophische Frage. Auch die Diskussion um New Work, Agilität und hierarchielose Organisationen ist letztendlich eine philosophische Frage. Hier wird die gesellschaftliche Tendenz einer immer breiteren Beteiligung und Individualisierung auf die Unternehmen übertragen. Die Unternehmen sollen dem Zeitgeist gerecht werden. Überall wird gedutzt und alle in einem Unternehmen sollen sich auf Augenhöhe begegnen. Das ist eine schöne und romantische Vorstellung.

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Das gesamte Interview mit SpringerGabler

… der letzte Satz suggeriert, dass solch ein Ansatz nicht funktioniert?

Auf der Arbeitsebene und in Teams ist das sehr vernünftig, da hier eine Gruppe gemeinsam etwas erreichen will. Da reicht ein “Primus inter Pares”. Aber für ein Gesamtunternehmen ist ‘hierarchielos’ keine Option. Es ist eine Frage der Unternehmensphilosophie, wie man ‘Hierarchie’ heute gut definiert und organisatorisch umsetzt. Übrigens komme ich als Berater aus einer agilen Organisation. Die klassische Beratung ist mit der Teamstruktur beim Kunden grundsätzlich dezentral angelegt. Die Teams haben je nach Unternehmenskultur große Freiräume wie sie die Projektaufgaben erfüllen. Als Leitplanken gibt es nur die Taktung durch die wichtigen Präsentationstermine und die Kundenzufriedenheit als Qualitätsmaßstab.

Eine besondere Anforderung an die Führung in der heutigen Zeit ist die ausufernde Meinungsvielfalt, schreiben Sie. Was meinen Sie damit und was ist das Problem daran?

Es gibt seit Parmenides, einem frühen Philosophen und Begründer der eleatischen Schule, die Unterscheidung in Wissen und Meinung. Die Menschen haben sehr schnell und ohne Aufwand eine Meinung zu verschiedenen Themen. Das Wissen und die hintergründige Wahrheit um einen komplexen Sachverhalt, muss man sich erarbeiten. Heute hat jeder in der Führung zu jedem Thema eine Meinung. Diese persönlichen Einschätzungen sind aber in der Breite nicht substanziiert. Wer schon einmal in einem Führungsgremium gesessen hat, weiß was ich meine. Das sind große Runden, um möglichst viele Aspekte, oder besser Meinungen abzubilden. Vorbereitet ist bei so etwas leider immer nur der Vortragende. Der Rest der Truppe ist davon überzeugt, dass die Postion oder Erfahrung ausreichen, um seine Meinung kund zu tun und möglichst auch durchzusetzen.

Wie sollten Führungskräfte mit der Meinungsvielfalt umgehen – wenn sie philosophisch an die Sachen herangehen?

Wir müssen Meinungen wieder durch strukturierte Sachverhalte und Lösungen ersetzen. Das ist zunächst einmal ein intellektueller Prozess. Es ist aber auch ein neues Bild von Management. Bislang wurden viele Meetings und besonders volle Terminkalender als Maßstab für die Wichtigkeit im Management genutzt. Haben Sie schon mal ein Bild von einem Manager gesehen, der vertieft und konzentriert über einer Sache brütet? Diese Bild haben wir allenfalls bei Ingenieuren im Kopf. Bei den Herausforderungen der Zeit muss das Management sich hier eine neue Positionierung geben. Glauben Sie mir, wenn Sie Dinge wirklich verstehen, werden Sie ganz klar und leicht. Die viel besprochene Komplexität löst sich dann häufig in Wohlgefallen auf.