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Das Leistungsprinzip und die Chancengleichheit sind als grundlegende theoretische Konstrukte von Gerechtigkeit. Damit stellt sich die Frage, welche Leistungen erkennt unsere Gesellschaft in unserer heutigen Zeit an und honoriert sie als dem Gemeinwohl zugänglich.

Geld ist sexy

In unser Welt sind wirtschaftliche Erfolge und vorhandenes oder erworbenes Vermögen wesentliche anerkannte Leistungen. Reichtum ist sexy. In einer Welt ohne nennenswerte soziale Spannungen füllen sportliche Wettbewerbe den Drang zum Kampfe und können den Gewinnern hohe Ehre zu teil werden lassen. Doch wenn wir genau hinschauen, stellen wir fest, dass auch sportliche Leistungen dann besonders hoch bewertet werden, wenn der Sieger auch eine Menge Geld verdient. Es geht um die Top-Sportler und die sind alle durch den Sport reich geworden. Kaum jemand spricht von herausragenden Leistungen in den Sportarten, die nicht mit dem großen Geld verbunden sind. Dabei sind im Einzelfall die Leistungen rein sportlich höher einzuschätzen als bei den Großverdienern. Die Gesellschaft erkennt also Leistungen und Ehre sehr stark an – solange damit auch finanzieller Erfolg verbunden ist. Leistung und Ehre führen zu gesellschaftlichem Ansehen und werden auch mit politischen Fähigkeiten verknüpft. So kommt es denn, dass den sogenannten Celebrities bei Umfragen beste Chancen eingeräumt werden, auch in hohe politische Ämter gewählt zu werden.

Der Geldaldel gewinnt an Bedeutung

Um uns herum zeigen sich ganz deutlich Entwicklungen, die den Einfluss der „Reichen und Ehrbaren“ in der Gesellschaft noch weiter stärken. Entsprechend dem Leistungsprinzip werden diejenigen besser gestellt, die über höhere Einkommen oder hohes Ansehen verfügen. Wir sehen Länder mit einer kleinen Gruppe von unfassbar reichen Oligarchen, die die Gesellschaft wirtschaftlich und politisch dominieren. In direkter Nachbarschaft korreliert der gesellschaftliche Einfluß immer stärker mit dem Vermögen. So haben viele Länder private Ausbildungsinstitute, die einen direkten Zustieg zu den Eliten des Landes garantieren. Oder umgekehrt: ohne eine teure private Ausbildung kann man in einigen Staaten wenig werden. Die Chancengleichheit ist eingeschränkt und die Durchlässigkeit der gesellschaftlichen Schichten nimmt ab. Es bildet sich eine Art Geldadel heraus, der durch politische Einflussnahme versucht, Gesetze nicht zum Schutz der Schwachen zu erlassen, sondern zur Absicherung des eigenen privilegierten Status. Es gibt den offenen Versuch, die politische Einflussnahme von Vermögensgesichtspunkten und damit finanzieller Leistungsfähigkeit abhängig zu machen. So können wir beobachten, dass in vielen Ländern nicht mehr mit verdeckter Einflussnahme durch Lobbyismus in die Politik eingegriffen wird, sondern die „Superreichen“ direkt in politische Ämter drängen.

Unsere deutsche Gesellschaft ist weit davon entfernt, die politischen Rechte vom Geld abhängig zu machen. Aber die Bedeutung des großen Geldes ist trotzdem enorm hoch. Die Wirtschaft ist der zentrale Wertemaßstab unserer Zeit. Die Wirtschaftsgrößen haben im politischen Lobbyismus einen hohen Stellenwert. Politische Vorschläge werden – selbst bei Vollbeschäftigung – direkt mit dem Einfluß auf Arbeitsplätze bewertet. Das Bild der modernen Familie geht von Doppelverdienern aus, die eine hohe Befriedigung im engagierten Job sehen. Die Erziehung der Kinder wird in hohem Maße dem Staat übergeben, damit die Eltern ihre Aufgabe in der Wirtschaft wahrnehmen können. Bei sozialen Fragen wird sehr schnell von Kosten und ökonomischem Nutzen gesprochen. In unserer Zeit muss sich alles rechnen.

Leistung statt Tugend

Die Welt der Wirtschaft kann man als sachlich aufklärerischen Kosmos verstehen. Religion, Ethik, Moral und Tugend sind andere, nämlich mythische und psychologisch-soziologische Denkmuster. Wertefragen einer Gesellschaft werden in unserer heutigen Zeit nicht mit Leistung verbunden. Es herrscht eine deutlich spürbare Wertung vor, dass die sozial Aktiven die Schwachen sind, die weder leistungsstark noch leistungsbereit sind. Wer kulturelle Aufgaben übernimmt, entscheidet sich gegen wirtschaftlichen Erfolg und findet damit nur eingeschränkte Anerkennung. Wer Halt in der Religion sucht, ist so weit von der sachlich-wirtschaftlichen Sicht auf die Dinge entfernt, dass ihm keine positive Wertung entgegen gebracht wird. Die Bürger folgen dem Zeitgeist und gehen ihrer individuellen oder auch egoistischen Tätigkeit zur Geldvermehrung nach, weil dort eine hohe Anerkennung möglich ist.

Doch auch die Leistungsgesellschaft kommt an Ihre Grenzen. Hohe Managergehälter werden zunehmend als unmoralisch angesehen. Das Auftreten von Hedgefonds und private Equity wird als maßlos und habgierig empfunden. Ein unvorstellbarere Reichtum von Unternehmern läßt den latenten Eindruck aufkommen, dass da vielleicht nicht alles mit Rechten Dingen zugegangen ist. Schließlich hatte schon Balzac festgestellt, „Jeder große Reichtum basiert auf einem Verbrechen“. 

Die Leere füllen

Dadurch, dass Tugenden lange mehr oder weniger ausgeblendet wurden, ist eine gewisse Leere in Bezug auf diese wichtige Dimensionen des Menschen und der Gesellschaft entstanden. Und dieser Raum beginnt sich zu füllen. Wirtschaft und Einkommen als eindimensionaler Wertmaßstab blendet den Facettenreichtum einer Gesellschaft nahezu aus. Das Eindimensionale verliert an Strahlkraft. Und ausserdem gibt es für die junge Generation gar keinen Grund, dem Geld hinterher zu laufen. Es ist ja schon da! Die Elterngeneration stellt einen solchen Wohlstands-Level zur Verfügung, dass für die Jüngeren mehr Geld keinen Mehrwert hat. Also werden andere Maßstäbe für den Erfolg definiert. Für den Einen ist der Sixpack das Lebensprinzip und damit die individuelle Optimierung. Andere wollen im Team Erfolg und Anerkennung durch spannende Aufgaben und die Gestaltung des Fortschritts erreichen. Allen beiden Gruppen ist gemeinsam, dass sie sich nicht am Geld orientieren. Der dominante Wertmaßstab der Wirtschaft und des Geldes verliert sichtbar an Bedeutung. Anerkennung und Erfolg sieht heute anders aus und basiert auf der Wiederentdeckung von Tugenden.