03. Dezember 2020 Veröffentlicht bei newmanagement.haufe.de

Gegengewicht zur hektischen Welt

Vor der Pandemie wurde intensiv über New Work diskutiert. Ein neues Verständnis von Arbeit sollte die Zukunft erträglicher machen und uns Werkzeuge in die Hand geben, eine gute Zukunft aktiv zu gestalten. Doch was von den Heilmitteln gegen die überkommene Wirtschaftswelt wird die Krise überstehen und nachhaltiger Eckpfeiler eines New Normal werden?

Ein modischer Ansatz der Wirklichkeitsbewältigung ist die Achtsamkeit. Bislang war man sich (fast) einig, dass die Dynamik und Komplexität der Welt zu Stressreaktionen, Burn-Out-Syndromen und unattraktiven Arbeitsplätzen führt. So wollten diejenigen, die die Menschen in den Mittelpunkt der Wirtschaft setzen, ein Gegengewicht definieren. Die hohen Belastungen sollten durch Entschleunigung und Achtsamkeit aufgefangen werden und einer allseits drohenden Überforderung entgegenwirken. Soweit die Theorie.

Ich bin mir sicher, dass das Thema Achtsamkeit mit den Herausforderungen der Pandemie und einer sich abzeichnenden strukturellen Wirtschaftskrise in den Archiven der Personaler verschwinden wird. Und das ist auch gut so.

Die drohende Überforderung als Ausgangspunkt

Wer das erste Mal ein Wortgebilde wie Achtsamkeit hört, wird zunächst neugierig. Warum Achtsamkeit und nicht Aufmerksamkeit? Wo kommt das Wort eigentlich her? Sind wir in dieser Gesellschaft grundsätzlich überfordert und gehen nicht mehr achtsam mit uns selbst und anderen um?

Ausgangspunkt der Diskussion um Achtsamkeit ist die Behauptung, dass diese Welt mit ihrer Hektik und den zahlreichen Anforderungen von Familie und Beruf krank macht. Also muss man dem entgegentreten – und zwar nicht nur im privaten Umfeld, sondern eben auch bei der Arbeit. Arbeit darf kein Ausnahmebereich sein, in dem man Menschen als Sache oder gar Ressource ansieht. Das Menschliche muss Teil der Arbeitswelt sein und wer das noch nicht erkannt hat, der liegt sowieso daneben. Mit Achtsamkeit tritt man nun also gegen eine kalte und technokratische Wirtschaft an.

Das Modewort Achtsamkeit ist ein weiterer Ausdruck einer totalen Individualisierung der Gesellschaft. Die Individualisierung muss aber in jeder Gemeinschaft, auch in einem Unternehmen, irgendwo ihre Grenze finden. Diese Grenze wird bei Achtsamkeit im Büro weit überschritten.

Die Veränderungen durch das Virus waren ein Schock und haben die Arbeitswelt nachhaltig verändert. Ein Aspekt der pandemischen Maßnahmen war und ist eine gewisse Art der Entschleunigung. Nach der Dringlichkeit, die Arbeit in den Unternehmen ganz neu organisieren zu müssen, ist eine gewisse Ruhe eingekehrt. Die Arbeit von zuhause, der weitgehende Verzicht auf Dienstreisen, die eingeschränkten Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und auch eine Überprüfung der eigenen Wertmaßstäbe haben das erreicht, was die Protagonisten von Achtsamkeit gerne erreichen wollten: die Welt bewusster wahrnehmen.

Warum Achtsamkeit nicht ins Unternehmen gehört

Eine Google-Suche macht klar, wie weit die verschiedenen Aspekte der Achtsamkeit auseinanderliegen. So wird einem spontan der Achstamkeitskalender als Suchbegriff vorgeschlagen. Darauf folgen einige Definitionen, zahlreiche Buchempfehlungen und unzählige Übungen, die einen in den gewünschten Zustand versetzen wollen. Alles in allem 10.100.000 Suchergebnisse.

Bei der Achtsamkeit geht es um den Menschen, und zwar um jeden einzelnen. Im Zentrum stehen das persönliche Wohlergehen und die eigene Gesundheit. Stressreduktion, Motivation und Leistungsfähigkeit sind individuelle Faktoren, die aber durchaus in das „Große Ganze“ einzahlen können. Gleichwohl ist das Modewort Achtsamkeit ein weiterer Ausdruck einer totalen Individualisierung der Gesellschaft. Die Individualisierung muss aber in jeder Gemeinschaft, auch in einem Unternehmen, irgendwo ihre Grenze finden. Diese Grenze wird bei Achtsamkeit im Büro weit überschritten.

Ich bin mir sicher, dass das Thema Achtsamkeit mit den Herausforderungen der Pandemie und einer sich abzeichnenden strukturellen Wirtschaftskrise in den Archiven der Personaler verschwinden wird. Und das ist auch gut so.

Das moderne Wort Achtsamkeit hat einen starken Bezug zu uralten überlieferten Weisheiten der chinesischen Philosophie. Es geht um ein Eintauchen in sich selbst und ein ganzheitliches Verständnis der Umgebung. Beobachtend, vorurteilsfrei, akzeptierend und ohne das Wollen zur Gestaltung. Eine Form der Trance, also des halbwachen Zustandes der totalen Erkenntnis.

Es ist für mich nur schwer vorstellbar, bei der Arbeit in diesen besonderen Bewusstseinszustand abzutauchen. Die Anforderungen der Wirtschaft bestehen in Aufgaben und gemeinsamen Zielen. Man soll nicht in Trance, sondern fokussiert arbeiten. Bildlich gesprochen gehört die Yogamatte eben nicht ins Büro. Wer die besonderen Erfahrungen der asiatischen Philosophie machen möchte – und dazu würde ich jedem raten – der muss das eben in der Freizeit tun, aber nicht am Arbeitsplatz.

Achtsamkeit als Geschäft

Human Resources Manager haben das Thema Achtsamkeit gerne aufgenommen, denn es geht ja um den Menschen. Es steht die Behauptung im Raum, dass Achtsamkeit ein wirksames Instrument zur Mitarbeitergesundheit und letztendlich zur Leistungsfähigkeit sei.

Was sich so menschlich und so notwendig anhört, ist aber in Wirklichkeit ein riesiges Geschäft. Die psychologisch geschulten Coaches und Trainer haben ein neues Feld entdeckt, mit dem sich gutes Geld verdienen lässt. Sie versprechen einen hohen Nutzen in nur drei, vier oder fünf Schritten. Das muss den Unternehmen doch die Gesundheit der Mitarbeiter wert sein. Schon sprießen Achtsamkeitsseminare, Workshops und Anleitungen für jedermann wie Pilze aus dem Boden.

Sie können sicher sein, dass ein tiefgreifende Verständnis der chinesischen Philosophie nicht mit einer geilen Methode oder einem methodischen Dreisprung zu erreichen ist. Es bleibt für uns „Westler“ ein Mysterium. Da helfen auch kein Achtsamkeitskalender und keine Yogamatte und schnelle Trainings schon überhaupt nicht. Ich selber habe genau zwanzig Jahre gebraucht, um den tieferen Sinn des „Nichtwollens“ als Grundlage von Gelingen zu verstehen.

Kontemplation statt Achtsamkeit

Es gibt allerdings zwei wichtige Aspekt der Achtsamkeit, die wir in die Zeit nach der Pandemie retten sollten.

Es ist zwingend notwendig, der Oberflächlichkeit der Zeit etwas Neues entgegenzusetzen. Es ist aus der Mode gekommen, sich vertieft mit Sachverhalten auseinander zu setzen. Überall herrscht Hektik, und die unreflektierte Meinung ersetzt das tiefgründige Verstehen. Alles soll schnell gehen, und das sofortige Handeln ersetzt das richtige Tun.

Damit ist in den Unternehmen an vielen Stellen die Qualität abhanden gekommen. In den (virtuellen) Sitzungsräumen treffen unreflektierte Ansichten aufeinander, es geht nicht um das verständnisvolle Ringen um die Wahrheit. Hauptsache, man bekommt die Sache vom Tisch.

Lassen Sie uns wieder alle Sinne zum Verstehen der Welt einsetzen. Nehmen wir uns wieder mehr Zeit für die wichtigen Dinge. Dann wird auch der individuelle Stress weniger, und die Qualität unserer Arbeit nimmt deutlich zu.

Damit sind wir an einem Punkt, der schon vor mehr 2000 Jahren in der Philosophie diskutiert wurde. Was ist das richtige Verhältnis von Verstehen und Handeln? Die Forderung nach einem besseren Verstehen als Grundlage des richtigen Handelns wurde schon in der Antike als Kontemplation bezeichnet. In der griechischen Philosophie heißt so ein ganzheitliches Verstehen „Theoria“. Die Erkenntnis ist bei der Kontemplation das Ergebnis einer vertieften Auseinandersetzung mit der Sache. Die Kontemplation schließt dabei ganz ausdrücklich auch intuitive Aspekte des Verstehens ein. Kontemplation ist eine Art des Zurück-Besinnens und ergänzt die rein rationale Beschäftigung mit einer Sache.

Management kommt von Manus, die Hand, und stellt das Handeln über das tiefgründige Verstehen. Und das ist falsch! Nur wegen unserer eigenen Oberflächlichkeit reden wir laufend von der Komplexität, die uns so beschäftigt. Wenn man die Sache wirklich verstanden hat, wird die Komplexität überwunden. Wenn man kapiert hat, wie es funktioniert, verschwindet die Hektik des Alltages.

Die Forderung nach einem kontemplativen, also vertieften Arbeiten, ohne permanente Ablenkung, passt doch sehr gut in unsere Zeit. Lassen Sie uns wieder alle Sinne zum Verstehen der Welt einsetzen. Nehmen wir uns wieder mehr Zeit für die wichtigen Dinge. Dann wird auch der individuelle Stress weniger, und die Qualität unserer Arbeit nimmt deutlich zu.