Haufe.new-management.de 07.August 2020

Vor der Krise gab es einige Schlagworte, die Intensiv diskutiert wurden. Um den Kernbegriff der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Transformation rankten sich intensive Auseinandersetzungen um NewWork und NewManagement. Nun, in der Krise, haben sich die Beiträge deutlich verändert. Die Digitalisierung ist durch Abstandsgebote und leere Büros deutlich voran getrieben worden. Die Arbeitswelt hat sich durch Home-Office und Video Calls deutlich verändert. Die Work-Life-Balance sowieso. So kommt die Frage auf, was denn von diesen Errungenschaften in die Zeit nach der Pandemie gerettet werden kann und soll. NewNormal ist das neue Schlagwort.
Eine Vielzahl von Autoren fordert, auf dem Gaspedal zu bleiben. Die Krise hat gezeigt, dass ein Transformation gleichermaßen möglich wie nützlich ist. Da sollte man doch weitere Aspekte von NewWork und New Management angehen. Doch da ist wohl der Wunsch der Vater des Gedanken. Wenn man sich die wirtschaftliche Entwicklung anschaut, gibt es einige Hinweise darauf, dass wir temporär zum OldManagement zurück kehren.

Wann wird das Leben wieder normal

Getragen werden alle Überlegungen zu NewNormal von der grundlegenden Annahme, dass nach der Pandemiekrise so etwas wie Normalität wieder einsetzt. Corona mit all seinen Maßnahmen der Bekämpfung sind ein sogenannter exogener Schock. Unerwartet und ohne eigenes Verschulden ist plötzlich eine Krise entstanden. So hegen viele die Hoffnung, dass nach dem gravierenden Ereignis wieder alles wird wie früher. Die Frage ist nur wann und wie schnell. Gerne wird die Hoffnung geäußert, dass es doch nicht mehr lange dauern kann, bis die Wirtschaft wieder anspringt. Neue, vor allen Dingen auch in Urlaubsländern aufkeimende Infektionszellen verpassen uns dann wieder einen gehörigen Dämpfer.
Nun haben wir in der Krise gelernt, dass man gut daran tut, sich auf die Wissenschaft zu verlassen. Und so melden sich jetzt reihenweise Wirtschaftswissenschaftler mit Zukunftsszenarien zu Wort. Der Rückgang der Wirtschaftsleistung wird gemessen und aus diesen Erkenntnissen werden dann wissenschaftliche Folgerungen für die Zukunft abgeleitet. Also alles fundiert und objektiv, eben wissenschaftlich. In allen Fällen mit einem guten Ausgang und einer Rückkehr zu einer nicht näher definierten Normalität. Alles wird gut.

Das wirtschaftliche V steht für Verweigern

Ein mögliches Szenario der Gelehrten ist die sogenannte V-Kurve. Seit März gibt es den Shutdown und damit einen massiven Einschnitt in die Wirtschaftsleistung. Der erste Strich des V, als oder Abwärtstrend, muss eigentlich gar nicht mehr begründet werden. Die wissenschaftlichen Zahlen objektivieren nur, was wir alle erleben: geschlossene Geschäfte und Gaststätten, ausbleibende Flüge, Verringerung des Konsums, usw. Wir wissen jetzt aber, dass sich alle diese Effekte auf minus 10,1% der Wirtschaftsleistung im 3. Quartal summiert haben.
Die Anhänger der V-Kurve haben eine einfache Gleichung im Kopf. Wenn der Niedergang exogen verursacht ist, dann muss mit dem Ende der Ursache die Erholung einsetzen. Mit jeder Lockerung der restriktiven Maßnahmen muss die Wirtschaft wieder in Fahrt geraten. So geht es denn so steil bergauf wie es bergab ging.
Doch schon jetzt sind viele Geschäfte tot oder im schweren Überlebenskampf. Eine schnelle Rückkehr auf das Wirtschaftsniveau vor Corona ist also gar nicht realistisch. Bildlich gesprochen, kommen nicht alle aus dem Shutdown zurück. Wer sich dieser Situation nicht stellt, verweigert alle notwendigen Anpassungen. Weiter wie gehabt, keine Transformation, keine Grundlagen für eine neue Zukunft.

Das wirtschaftliche U steht für Untätigkeit

Wenn nicht automatisch mit dem Ende der Pandemie auch die alte Wirtschaftsleistung wieder erreicht wird, dann wird „das Tal der Tränen“ wohl etwas länger sein. Damit sind wir bei dem U-Szenario. Die Wirtschaft bricht ein und wird dann erst nach einer längeren Zeit erneut zu einem Wachstum finden.
Wer an dieses Szenario glaubt, der hält zumindest mental länger durch. Die Erwartung einer schnellen Erholung wird durch eine „realistischere“ Annahme ersetzt. Doch auch im U-Fall wird angenommen, dass nach überschaubarer Zeit eine deutlich spürbare Erholung einsetzt.
Die Hoffnung ist gedämpft, sie hat aber immer noch den trügerischen Aspekt, das die Krise überwunden wird. Damit haben wir einen perfekten Boden für Durchhalteparolen und Untätigkeit bereitet. Solange diese Haltung in den Köpfen ist, werden notwendige gestalterische Maßnahmen nicht ergreifen. Die herbeigesehnte Transformation findet nicht statt, oder wird viel zu spät angegangen.

Die richtige Krise kommt erst noch

Unser Staat hat alle denkbaren Maßnahmen getroffen, die negativen Folgen der Pandemie abzufedern. Es ist hier nicht die Stelle, über die Wirksamkeit einzelner Beschlüsse zu diskutieren, allein die gigantischen Summen sind ein sicheres Indiz für die guten Absichten der Politik. Doch hilft das wirklich?
Nein, zumindest nicht langfristig oder strukturell. Es besteht doch kein Zweifel, dass unsere Gesellschaft schon seit Jahren von deutlichen Veränderungen geprägt ist. Ganze Wirtschaftszweige stehen für eine Old Economy, deren Zukunftsfähigkeit zurecht angezweifelt wird. Industriebetriebe sind auf eine globale Verteilung angewiesen, die zunehmend kritisch hinterfragt wird. Immer feinmaschigere Lieferketten erhöhen das Versorgungsrisiko der Betriebe. Neue geopolitische Cluster erschweren den Warenaustausch mit etablierten Kunden. Die mittlerweile anerkannte Notwendigkeit eines ambitionierten Klimaschutzes drückt auf die Konsumneigung.
„Corona hat gar nicht viel verändert, sondern nur Entwicklungen beschleunigt“
Eigentlich sehen alle Experten der Wirtschaft – wenn sie nicht eine politisch motivierte positive Botschaft unterbringen wollen (V- oder U- Szenario) – eine riesige Insolvenzwelle auf uns zu kommen. Wenn die kurzfristig wirksameren Maßnahmen der Regierung nicht mehr greifen, werden wir ab diesem Herbst von einem Tsunami an schlechten Unternehmensnachrichten überrollt. Diese Entwicklung ist unaufhaltsam und es ist kein exogener, sondern ein endogener Schock. Selbst verursacht durch ein Festhalten an alten Geschäftssystemen und Strategien. Geradezu herauf beschworen durch die Bequemlichkeit des Status Quo vor der Krise. Politisch mitverursacht durch die mangelnde Bereitschaft zur Veränderung. Unternehmerisch verantwortet durch eine nicht rechtzeitige Transformation in neue Geschäftsmodelle.

Was in den Unternehmen jetzt passiert

Wenn den Unternehmen das Geld ausgeht, wird die strukturelle Krise für alle sichtbar. Zu spät, um dann noch langfristige Transformationsprogramme aufzusetzen. In der Krise herrschen andere Gesetze. Der Turnaround ist klassischer Weise eine reine Kostenanpasssungsmaßnahme. Da man zu lange die Änderungen hinaus gezögert hat, geht es um das nackte Überleben der Betriebe. Da die Umsätze in vielen Unternehmen fehlen werden, werden die Kapazitäten drastisch angepasst.
Das alles ist nicht New, sondern Old Management. Auf der Basis zahlengetriebener Analysen werden „objektive Fakten“ auf den Tisch gelegt. Es werden emotionslose (Insolvenz-) pläne geschrieben. Als logische Folge der veränderten Rahmenbedingungen werden massenhaft Entlassungen ausgesprochen. Die Leistungund nicht das Betriebsklima rücken wieder in den Vordergrund. Die verbleienden Menschen in den Unternehmen müssen wieder funktionieren. NewWork in seiner engen Auslegung wie sie in den Unternehmen umgesetzt wird, wird als teures Hobby der Personaler deklariert und ist damit dem Tode geweiht. Die Sanierer und Insolvenzverwalter übernehmen die Deutungshoheit, was vernünftig und bezahlbar ist.
Wer wegen dieser apokalyptischen Vorhersage noch skeptisch ist, der mag sich nur die gigantischen Personalanpassungen anschauen, die schon jetzt in der Automobilindustrie angekündigt werden. Das kann doch nicht ohne Folgen für die zahlreichen Industrien sein, die direkt oder indirekt von diesem Wirtschaftskern abhängen. In Deutschland zieht sich so eine Entwicklung durch die gesamte Wirtschaft .

Den richtigen Weg finden

Zwei Dinge sind in der kommenden Krise wichtig. Erstens halten Sie nicht verzweifelt an dem Bestehenden fest. Bei gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen kann kein einzelner Betrieb den Gang der Geschichte aufhalten. Die Autolobby hat uns vorgemacht, wie man Innovationen so lange heraus schiebt, bis es (fast) zu spät ist. Wie sagte schon Anaximander: „Nach ewigem Gesetz gehen aus aus dem Unbestimmt-Grenzenlosen immer neue Welten hervor und kehren wieder in dasselbe zurück, einander Strafe und Buße gebend für die Ungerechtigkeit nach der Ordnung der Zeit“.(fn)
Zweitens ersetzen Sie Hoffen durch Handeln. Auch wenn Kapazitätsanpassungen unumgänglich sind, so ist es doch genau so wichtig, ein Szenario für die Zukunft zu bauen. Damit rücken die schon lange geforderten neuen und collaborativen Geschäftssysteme ins Rampenlicht. Jetzt heißt es wirklich, neue Dinge umzusetzen. Neue Kunden, neue Produkte, neue Prozesse.
Anaximander hat recht, alles hat seine Zeit. Was gestern richtig war, ist schon heute oder spätestens morgen falsch. Jetzt kommt die Zeit der Unternehmer, der echten Führungskräfte. Die Manager, die nur das Altbewährte verwalten, haben ihre Zeit gehabt. Management ist jetzt etwas über 100 Jahre alt, da ist mal „was Neues angesagt“.