Eine moderne Führung soll vor allen Dingen das Attribut der Gerechtigkeit erfüllen. Heutzutage wird sie gerne als Fairness bezeichnet und ist nach einer Untersuchung der wichtigste Faktor, um Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten. Dieter Nuhr erklärt in seinem Beitrag wie schwierig es ist, gerecht zu sein. Ein wichtiger Beitrag für alle Führungskräfte, die fair sein wollen.

Die ARD hatte eine Woche der Gerechtigkeit als Motto ausgerufen. Zahlreiche Beiträge haben sich mit dem Thema beschäftigt. Unsere Gesellschaft hat sich mit der “Sozialen Gerechtigkeit“ ein Leitbild gegeben, dass die Bedeutung der Gerechtigkeit für uns alle unterstreicht. Anscheinend handelt es sich um ein Thema, das gerade jetzt wieder von einiger Bedeutung ist.

Die relative Gerechtigkeit

Gerechtigkeit basiert auf gesellschaftlichen Einstellungen und Rahmenbedingungen. Diese Wertemuster sind von ethischen und kulturellen Aspekten abhängig. Es gibt also nicht die Gerechtigkeit schlecht hin. Das ist z.B. an verschiedenen Gesetzen zu erkennen, die Sachverhalte unterschiedlich regeln. So gibt es in verschiedenen Kulturen und Religionen sehr unterschiedliche Vorstellungen einer gerechten Strafe. Schon die Tatsache was unter Strafe gestellt wird ist in den verschiedenen Kulturen und Ländern sehr unterschiedlich. Die einzelnen Gesellschaften oder Kulturen bilden also eigene Vorstellungen von Gerechtigkeit aus. Und als wäre das nicht schon komplex genug, unterliegen unsere Werte noch dem Zeitgeist und damit einem anhaltenden Wandel. Die Veränderungen der Gerechtigkeit vollziehen sich meist langsam, stetig und unbemerkt.

Die gerechte Wirtschaft

Der Begriff der Gerechtigkeit findet immer wieder in der Wirtschaft seinen Niederschlag. Es geht um gerechten Handel, gerechten Wettbewerb, gerechte Regelungen, gerechte Löhne, gerechte Arbeitsbedingungen usw. Auch in Bezug auf die Führung hat die Gerechtigkeit ihre Bedeutung. Sie ist eine allgemeine Forderung an das Unternehmen und die Mitarbeiter und soll ungerechtfertigte Benachteiligungen vermeiden. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Fairness in einem Unternehmen der wichtigste Aspekt der Unternehmenskultur ist. 1 Fairness ist für eine Mitarbeiterbindung essentiell. Ebenso ist sie wesentliche Kriterium für ein ansprechendes Arbeitsumfeld. Nun ist das moderne Wort Fairness nichts anderes als das alte Wort Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit als Tugend

Gerechtigkeit ist ein Kernbegriff der Philosophie. Es handelt sich um ein sogenannte Kardinaltugend. Also eine Einstellung oder Verhaltensweise, die jeglichen Umgang zwischen Menschen prägen sollte. In Unternehmen treffen nun mal viele Menschen aufeinander und das Zusammenspiel der Akteure sollte in jedem Fall gerecht sein. Dies gilt in den Unternehmen, aber auch im Umgang mit den weiteren Akteuren im Markt und sonstigen Einflussgruppen auf die Unternehmen. Doch eine Definition dessen, was gerecht ist, ist gar nicht mal einfach.

Was ist gerecht ?

Dem Problem der Gerechtigkeit hat sich schon Sokrates mit seiner Philosophie angenommen. Er hat in Gesprächen mit den Bürgern seiner Stadt versucht, eine Art Definition der Gerechtigkeit zu entwerfen. Seine Bemühungen haben gezeigt, dass keiner seiner Gesprächspartner Gerechtigkeit abstrakt und verbindlich beschreiben konnte. Die Argumentation erfolgte immer anhand von Beispielen und war auf bestimmte Situationen und Ereignisse bezogen. Ausserdem wußten die Menschen weit mehr über Ungerechtigkeiten zu berichten als das sie Gerechtigkeit allgemein beschreiben konnten. Der Grund dafür liegt in den unterschiedlichen Werten und Sichtweisen jedes einzelnen. Es gibt zwar einige allgemein anerkannte Werte die sich in der Gesellschaft, den Gesetzen und Regelungen wiederfinden und die Gerechtigkeit ein wenig umreissen. Dennoch spielen auch persönliche Perspektiven eine besondere Rolle bei der Beurteilung dessen was gerecht ist. Wie schon die mit Sokrates zeitgleich aktiven Sophisten hervor gehoben haben: „Wie alles einzelne mir erscheint, so ist es für mich, wie dir, so ist es für dich.“2 Gerechtigkeit ist relativ. Aufgrund der Vielzahl von Beispielen von Ungerechtem und Gerechten tat Sokrates den Ausspruch: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“.3

Der Anspruch auf Gerechtigkeit

Die griechischen Philosophen haben Gerechtigkeit nicht nur auf einer gesellschaftlichen Ebene anhand von Gesetzen und festgelegten Regelungen diskutiert. Auf dieser Ebene wird Gerechtigkeit als ein Anspruch verstanden, den man an die Gesellschaft oder an Unternehmen stellen kann. Mit der Forderung an andere gerecht zu sein, wird der Fokus von einem weg hin zu der einen umschließenden gerechten Welt gelegt. Sie ist Ausdruck einer Erwartung für die man vielleicht selber gar nichts tun muss. Und so hört man allenthalben, dass es in den Unternehmen fair zugehen soll. Der Anspruch ist klar; und er ist auch gerechtfertigt.

Gerechtigkeit fängt bei jedem einzelnen an

Die alten Philosophen haben eine andere Perspektive eingenommen. Für sie ist Gerechtigkeit nicht etwas, was andere tun müssen, sondern zu allererst der Ausdruck einer persönlichen Lebenshaltung.4 Gerechtigkeit war für sie eine oberste Tugend und ein Aspekt des anständigen Charakters. Gerechtigkeit ist also ein Anspruch, den jeder an sich selber stellen sollte. Schaut man auf die Wortherkunft der Tugend, so erfährt man, dass Tugend von Tauglichkeit kommt. Wer also gerecht ist, der taugt auch was.5Das Problem der Gerechtigkeit entsteht also nicht um einen herum, sondern in einem drin. Eine solcher Anspruch an einen selbst sollte auch das neue Leitbild der Führungskräfte sein. Wenn man andere führt, dann sollte es gerecht zugehen. Der persönliche Anspruch ist absolut zeitlos. Wir dürfen Gerechtigkeit nicht „weg definieren“, in dem wir einen Anspruch an andere stellen. Mit einer Besinnung auf uns selbst und dem Streben nach Gerechtigkeit als Charakterzug haben wir den richtigen Maßstab zur Beurteilung unser Verhaltensweise gefunden. Die Mühe, die es bedeutet, gerecht zu handeln, hat einen hohen persönlichen Nutzen. Für die Philosophen war die Lust der intrinsische Antrieb etwas zu tun, der höchste anzustrebende Wert war jedoch das Glück.6 Eine gelungene Lebensführung wurde mit dem größten Glück auf Erden gleichgesetzt. Wer tugendhaft und gerecht lebt, der hatte es sozusagen geschafft. Wer einen gerechten Charakter hat, der wird auch Glück empfinden. Jeder möchte doch ein glückliches Leben führen und glücklich in und mit seinem Beruf sein. Ein Aspekt das zu erreichen, ist die Gerechtigkeit als eine der Kardinal-Tugenden anzusehen und bei sich selber anzufangen.

Gerechtigkeit lohnt sich für jede Führungskraft

Es sollte für jede Führungskraft selbstverständlich sein, auch den an sie gerichteten Anspruch auf Gerechtigkeit zu erfüllen. Jede Führungsposition ist mit einer gewissen Machtfülle ausgestattet. Will man eine solche Position nicht ausnutzen, dann muss man gegenüber den Mitarbeitern gerecht sein. So wird aus Macht Kompetenz und Führungsstärke. Die Gerechtigkeit ist der wesentliche Maßstab, um als gute und starke Führungskraft wahrgenommen zu werden. Sokrates ermahnt uns zur Gerechtigkeit und er gibt uns mit auf den Weg, dass allein das Wissen um die Gerechtigkeit schon zu einer persönlichen Verbesserung führt. Niemand macht etwas absichtlich falsch. Fehler passieren, weil man es nicht besser weiss, oder nicht besser kann. Wer an sich den persönlichen Anspruch stellt, gerecht zu sein, der wird auch automatisch gerechter werden. Jede Führungskraft sollte für sich selbst die Tugend entdecken, gerecht zu handeln. Als Belohnung für seine Bemühungen wird man seine Aufgabe vortrefflich erfüllen und wird ein glückliches und rechtschaffenes Leben führen. Im Verhältnis zu den Mitarbeitern und Kollegen wird man mit Gerechtigkeit erreichen, dass auch sie glücklich in ihrem Job sind und motiviert die erwarteten Aufgaben erfüllen.

  1. LinkedIn Studie: Wettbewerbsfaktor Zugehörigkeit, https://www.presseportal.de/pm/64022/3989114 
  2. Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie, 12. Auflage, Freiburg im Breisgau 1980, S. 54. 
  3. Hans-Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Limitierte Jubiläumsedition, Frankfurt am Main 2002, S. 168. 
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Gerechtigkeit 
  5. Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie, 12. Auflage, Freiburg im Breisgau 1980, S. 65 f. 
  6. https://de.wikipedia.org/wiki/Eudaimonie