Buchauszug “Klare Führung” Teil II: Megatrends

Unsere Gesellschaft ist durchdrungen von dem Gedanken der Gerechtigkeit. Es gibt zwar keine einheitliche Definition von Gerechtigkeit, aber jeder einzelne hat sofort ein klares Bild von dieser Tugend in seinem Hinterkopf. Doch was ist eigentlich Gerechtigkeit und ist nicht auch eine solche Tugend vom mehrfach zitierten Zeitgeist abhängig? Wir müssen wohl auch diesen Begriff hinterfragen, um daraus Aspekte für unsere neue Führung abzuleiten.
Der Begriff der Gerechtigkeit bezeichnet seit der Antike eine individuelle menschliche Tugend. Nach der Einschätzung der damaligen Philosophen sollte sich jeder tugendhaft und damit gerecht verhalten. Gerechtigkeit wird als eine Grundnorm menschlichen Zusammenlebens verstanden und ist damit wesentlicher Bestandteil der Sozial- und Rechts-Philosophie und findet ihren Niederschlag in den Grundrechten und gesetzlichen Regelungen. In unserer Gesellschaft hat sich die ursprünglich individuelle Tugend zu einem wesentlichen Konzept des Staates gewandelt. Dieser Werteanspruch wird gemeinhin als „Soziale Gerechtigkeit“ bezeichnet.
Die wesentliche Grundthese der Gerechtigkeit ist seit jeher, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt wird. Es sind also zwei Bedingungen miteinander verknüpft. Die Differenzierung und die Gleichheit. Aus diesen beiden wahrnehmbaren Phänomenen sollen Verhaltensweisen abgeleitet werden, die zum Wohle der Gesellschaft führen.
Nun ist in der letzen Zeit deutlich zu beobachten, dass die Differenzierung gegenüber der Gleichheit stark zurück gedrängt wurde. Wir betonen in unserem heutigen Umfeld die Gleichheit verschiedener wahrnehmbarer Phänomene und leiten daraus Handlungsnotwendigkeiten für die Gesellschaft ab. Es handelt sich dabei durchaus auch um Ansprüche verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, die eine Gleichstellung fordern. Die Führung will jeglichen elitären Anstrich vermeiden und sich nicht vom Volke absetzen, sondern sich selbst als Bürger zeigen. Männer und Frauen werden in Bezug auf die Aufgaben in Haushalt und Familie weitgehend gleich gestellt, weil antiquierte Rollenmodelle überwunden werden sollen. Verschiedene Schul- und Hochschulen-Formen kämpfen um gleiche Bezeichnungen von Abschlüssen, weil in der Differenzierung eine Benachteiligung gesehen wird. In der Führung werden zahlreiche hierarchielose Modelle propagiert, weil die Mitarbeiter mit Ihrem hohen Ausbildungsgrad und ihren Fähigkeiten mit den Vorgesetzten in Bezug auf die Gestaltung von Fortschritt einen wesentlichen oder gleichen Beitrag leisten. Schon Platon kannte das Phänomen der Gleichheit oder negativ ausgedrückt, der Gleichmacherei. Er beschrieb die gesellschaftliche Situation seiner Zeit: „So etwas wie Gleichheit gleichmäßig an Gleiche und Ungleiche zu verteilen“(fn). Nun ist es so, dass, wenn man das Argument der Gleichheit bei der Gerechtigkeit überbetont, die Differenzierung als wesensgleiches und antipodisches Element zu kurz kommt. Es ist sicher nicht vermessen zu behaupten, dass die Aussage des Platon sehr gut auch in unsere Zeit passt.
Woher kommt nun diese einseitige Ausprägung des Gerechtigkeitsbegriffes in unserer Gesellschaft. Eine Erklärung liefert der Rückgriff auf verschiedene Theorien der Gerechtigkeit. Neben einer Vielzahl von Gerechtigkeitsbegriffen lassen sich 4 Modelle von Gerechtigkeit unterschieden. Die Leistungsgerechtigkeit, die Chancengleichheit, die Bedarfsgerechtigkeit und die Verteilungsgerechtigkeit. Es wird gemeinhin als gerecht empfunden, wenn unterschiedliche Leistungen unterschiedlich honoriert werden. Das bedeutet umgekehrt, gleicher Lohn für gleiche Leistung. Eine Gesellschaft hat dann Chancengleichheit realisiert, wenn unabhängig von den differenzierten Merkmalen von Gruppen oder Individuen alle die gleiche Möglichkeiten haben, gesellschaftliches Ansehen, oder Einkommen zu erzielen und ein sozialer Aufstieg grundsätzlich möglich ist. Der Staat hat zur Sicherung des sozialen Friedens die Aufgabe, denjenigen, die unter Leistungsgesichtspunkten keine auskömmliche gesellschaftliche Anerkennung erzielen können, die minimalen Mittel zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zur Verfügung zu stellen. Die sozial Schwachen sollen zur Erhaltung des sozialen Friedens durch den Staat aufgefangen werden. Bei der Verteilungsgerechtigkeit sollen weit auseinander klaffende gesellschaftliche Bezüge oder soziale Unterscheide zugunsten der Schwächeren umgeschichtet werden. Dies ist zum Beispiel die Grundlage für die Diskussion über unmoralisch hohe Managervergütungen aber auch bei der Kritik von der Bündelung von enormen Vermögen bei wenigen Leuten. Hier ist für viele eine Disbalance entstanden, die durch die eigentlich anerkannte Leistungsgerechtigkeit nicht mehr abgedeckt ist.
Das Problem der heutigen Ausprägung von Sozialer Gerechtigkeit besteht nun darin, dass die von der Politik vorgeschlagenen Maßnahmen keine der Gerechtigkeitstheorien eindeutig folgen. Wir wissen nicht mehr, ob sich Leistung lohnt, oder ob eine Umverteilung unausweichlich ist. Es werden viele Beispiele diskutiert, die die Chancengleichheit in unserer Gesellschaft in Abrede stellen. Und auch die Bedarfsgerechtigkeit der Sozialsysteme wird immer wieder in Frage gestellt. Das Schlimme ist, dass mit immer mehr Eingriffen des Staates die von den Bürgern wahrgenommene Ungerechtigkeit zunimmt. Warum werden Staaten, Banken oder große Unternehmen gerettet, während es solche Auffangmechanismen für den „kleinen Mann“ nicht oder nur eingeschränkt gibt. Die Vielzahl der Regelungen und damit die entstandene Komplexität bei der Gestaltung von Gerechtigkeit führt zu einem tiefen Empfinden von Ungerechtigkeit. Wir müssen also die Komplexität der Gerechtigkeit auf verständliche Grundsätze reduzieren, damit man den Kern der Tugend erkennen kann und Gerechtigkeit überhaupt wieder sichtbar wird.
Hier können uns wissenschaftliche Untersuchungen helfen. (fn)Die Bürger haben ein klares Empfinden für die Theorien der Gerechtigkeit. Die Leistungsgerechtigkeit hat die höchsten Zustimmungswerte in unserer Gesellschaft, dicht gefolgt von der Chancengleichheit. Die Bedarfsgerechtigkeit wird schon von deutlich weniger Bürgern akzeptiert und die Verteilungsgerechtigkeit wird von den meisten Leuten nicht positiv beurteilt. Gleichwohl verteilt unsere Politik bei jeder Wahl immer neue Geschenke. Das mag ja im Einzelfall richtig sein, es hilft aber bei der klaren Werteskala unsere Gesellschaft nicht, um das Gefühl der Gerechtigkeit zu stärken. Die Politik arbeitet am Gerechtigkeitsempfinden der Leute vorbei.
Insofern wird sich auch die gesellschaftliche Tendenz der Gleichmacherei und der Verteilungsgerechtigkeit umkehren. Die Leistungs- und Chancengleichheit als theoretisches Konstrukt der Gerechtigkeit werden sich gegenüber dem heutigen Zeitgeist durchsetzten. Damit ist aber nicht gemeint, dass die Gesetze und gesellschaftlichen Normen so ausgelegt werden, dass sie zum Instrument der Starken werden. Diese Tendenz ist zwar in einigen der uns umgebenden Länder durchaus sichtbar, aber da scheinen wir dann doch anders kultiviert. Es bleibt dabei, dass die Gesetze die Schwachen schützen sollen. Aber die Chancengleichheit und die gezeigte Leistung soll wieder ein wichtiger Maßstab für die gesellschaftliche Rolle werden. Dieser Wandel ist bei der Definition einer neuen Führung zu berücksichtigen. Es kann auch nicht anders sein, wenn wir Fortschritt und Dynamik wollen. Wettbewerb und Fortschritt entstehen ja nicht durch Gleichmacherei, sondern durch ein „Vorpreschen“ der Innovatoren. Die Akzeptanz des Neuen und damit eine Form der Differenzierung von anderen ist doch der Kern des Fortschritts.
Eine notwendige Differenzierung bezieht sich nicht nur auf strukturelle und damit fixe Merkmale, sondern auch auf Rollenmodelle. Auch bei den Rollen sind in der jüngeren Vergangenheit klare Profile im Sinne einer Gleichmacherei verloren gegangen. Die Rollen der Mutter, des Vaters, der Lehrer, der Schüler, der Politiker, des Managers und der Führungskraft unterliegen einem ständigen Wandel. So wird auch die Führung, also die Rolle des Führenden und des Geführten, ständig neu interpretiert. Und dabei herrscht auch Gleichmacherei. Die moderne Führungskraft soll Teamplayer sein und durch Kompetenz akzeptiertes Mitglied der zu führenden Gemeinschaft oder Gruppe sein.
Damit sind wir bei einem Punkt angekommen, bei dem der Gedanke der gleichmachenden Gerechtigkeit ein Paradoxon hervorgebracht hat. Es kann definitionsgemäß keine Führung geben, wenn alle gleich oder gleichberechtigt sind. Führen heißt leiten. Wie will man ohne die Kompetenz einer Gruppe vorzustehen leiten? Führen heißt eben nicht Konsens und Gleichmacherei. Einer muss die Aufgabe übernehmen. Das Vorstehen und Leiten von anderen ist auch überhaupt nicht negativ zu beurteilen, wenn es auf der Basis von tugendhaftem Verhalten erfolgt. Wir erwarten von dem Führer einen Wissensvorsprung, den Mut wichtige Entscheidungen zu treffen und im besten Fall noch Mäßigung und nicht Selbstdarstellung. Eine Gleichmacherei innerhalb der gesamten Gruppe ist keine Führung. Es ist die Differenzierung, die den Einzelnen aus der Gruppe heraus hebt und ihm die Kompetenz zur Führung gibt. Das ist auch gerecht, solange es auf dem anerkannten Wertmaßstab der Leistung beruht. Führung wird ad absurdum geführt, wenn der Bessere durch Umverteilung von Kompetenzen in die Gruppe geschwächt wird. Die Rolle des Führenden muss eindeutig sein.
Platon hat die Definition klarer Rollen als Basis für seine ganze Staats- und Führungs-Lehre in einem einzigen Ausspruch verdichtet: „Das Seinige tun!“ (fn)Die wenigen Worte wirken sofort; man bekommt unmittelbar einen Eindruck davon, was gemeint ist. Das Seinige tun kann das Leitmotiv für eine neue Führung sein. Ein solches grundsätzliches Prinzip anzuwenden, bedeutet für jede Führungskraft eine klar definierte Rolle einzunehmen. Der Grundsatz: „Jedem das Seine“ gibt uns eine klare Zielrichtung für die Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft. Es ist Platons Beitrag zur Gerechtigkeit des Staates. Denn nach seiner Auffassung ist ein übertriebener Gleichheitsgedanke überhaupt nicht gerecht. Wenn die Menschen nicht alle gleich sind, dann ist in der Negierung von Verschiedenartigkeit keine Gerechtigkeit zu erkennen. Es ist nach seiner Theorie für die Gesellschaft besser, faktische Differenzierungen anzuerkennen und nicht zu egalisieren.