Textauszug “Klare Führung” Teil II: Megatrends

Die Demokratie ist nach unserer Auffassung die überlegene Staatsform. Unsere Gesellschaft kann auf diese nach langem Kampf gewonnene Errungenschaft der modernen Welt nicht verzichten. Auch in der Wirtschaft, in der Wettbewerbsvorteile und Profite wichtige Ziele und notwendige Voraussetzungen für ein Überleben sind, dürfen demokratische Prinzipien niemals unterlaufen werden. Es gibt zur breiten Beteiligung verschiedener Interessengruppen keine Alternative. Mit aller Macht müssen wir uns – jeder Einzelne ‑ gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenstellen, die sich nicht mit unserer demokratischen Grundeinstellung vereinbaren lassen. Es gibt keine andere akzeptable Staatsform, die anders als auf den Idealen der Demokratie aufbaut.
Es wäre nun aber falsch, Demokratie als statisches Konstrukt zu verstehen. Auch Staatsformen unterliegen dem Wandel. Solon und Kleisthenes hatten im 6. Jahrhundert vor Christus damit begonnen, die archaische Führungsform der edlen Herkunft zurück zu drängen. Die Herrschaft der Adeligen geht über in eine Timokratie, mit einer politischen Beteiligung der Reichen und Ehrbaren. Es entstehen die Frühformen der Demokratie.(fn) In der späteren Entwicklung der Demokratie werden ganz neue Staatsorgane definiert, die die Vertretung der staatlichen Ordnung immer weiter verbreitern. Neben das ursprüngliche höchste Organ des Staates, den Rat der Archonten bzw. der sieben höchsten Beamten, tritt ein Rat der Fünfhundert. Außerdem wird die Politik jetzt nachdrücklich durch die Diskussionen aller (Voll-) Bürger auf dem Marktplatz der Akropolis, der Agora, beeinflusst. In der weiteren Entwicklung übernimmt die Volksversammlung, die Ekklesia, wesentliche politische Entscheidungen. Im Laufe der Geschichte gewinnt der Gleichheitsgrundsatz immer stärker an Bedeutung. Daher werden immer neue demokratische Institutionen geschaffen, die immer mehr Bürgern Einflussmöglichkeiten auf die politischen Geschicke des Stadtstaates geben. Einen negativen Höhepunkt erreichen die demokratischen Verfahren im klassischen Griechenland mit der Durchsetzung von Losentscheiden für Führungsämter.(fn) Nicht mehr Wissen und Eignung sind die Voraussetzungen, um politische Ämter wahrzunehmen. Zur Vermeidung von Ungerechtigkeiten entscheidet das Los über die Amtsinhaber. Es entsteht eine hyperdemokratische Gesellschaft bei der die Machtverhältnisse vollkommen unklar sind.
Aus unserer heutigen Sicht sind die griechischen demokratischen Organisationsformen kaum nachzuvollziehen und der Losentscheid führt bei uns sicher zu einem Kopfschütteln. Das Schlimme aber ist, dass wir heute in einer durchaus ähnlichen Situation leben. Was früher die Agora, der öffentliche Treffpunkt für die Demokraten war, ist in unserer modernen Gesellschaft der Sitzungssaal. Die Funktion der Ekklesia, nämlich möglichst viele Bürger an Entscheidungen zu beteiligen, ist in unserer repräsentativen Demokratie ein ausschweifender Lobbyismus. Die Nutzung der Medien als Kommunikationsmittel ermöglicht den Institutionen, Bürgern und den Spezialisten immer schneller und breiter ihre Meinung in die gesellschaftlichen Diskussionen einzubringen. Die globale Vernetzung, aber auch ein Eigenleben des Staates führen auch bei uns zu immer neuen politischen oder administrativen Institutionen. Immer mehr gewinnt das Auftreten in der Öffentlichkeit an Gewicht. Der geschickte Umgang mit den Medien ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor, um Vorschläge in die Breite zu tragen und Veränderungen durchzusetzen. Der Sachverstand und die tatsächliche Eignung für Führungsaufgaben verlieren mancherorts schon mal an Bedeutung. Schon lange hat das so genannte politische Geschick die Geradlinigkeit als Erfolgsfaktor für Führungskräfte überholt. Und an vielen Stellen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Gleichbehandlungsgrundsatz in der Führung Aspekte der Qualifikation für Führungsaufgaben zurück drängt. Es besteht kein Zweifel: Es bestehen deutliche Parallelen zwischen der Hyperdemokratisierung im klassischen Griechenland und der Situation in unserer Gesellschaft. In der heutigen Zeit fehlt nur noch der Losentscheid darüber, wer aus der unüberschaubaren Masse an Spezialisten mit Führungsanspruch tatsächlich eine Führungsrolle wahrnehmen soll.
Dazu kommt eine zweite sehr bedeutsame Entwicklung. Demokratie heißt nach unserem ursprünglichen Verständnis, dass wir die Rechte des Einzelnen absichern und bei politischen Fragen wechselnde Mehrheiten akzeptieren. Nun wird das mit den Mehrheiten bei einer Fragmentierung der gesellschaftlich relevanten Gruppen immer schwieriger. Man kann sich zwar vielleicht im politischen Prozess durchsetzen, aber eine Mehrheit der Bevölkerung hat man damit eigentlich kaum noch sicher. Es ist die kritische Entwicklung festzustellen, dass sich die schwindende Zahl breit anerkannter gesellschaftlicher Koalitionen zu einem hochgradigen Individualismus ausprägt. In einer hyperdemokratischen Gesellschaft machen nicht mehr relevante Gruppen ihren Einfluss geltend, sondern der einzelne Bürger zieht gleich selber und gerne auch alleine in den Kampf. Der politische Meinungsprozess zersplittert vollkommen und führt nicht mehr zu fortschrittlichen Ergebnissen. Diese bedenkliche Entwicklung ist die Ursache für das flächendeckende Scheitern von fortschrittlichen Großprojekten. Der Fortschritt wird durch einen hyperdemokratischen Staat be- und verhindert.
Wenn wir den Begriff der Hyperdemokratisierung verwenden, geht es nicht um einen Angriff auf eine Beteiligung mehrerer oder gar vieler in der Gesellschaft. Um es noch einmal klar zu stellen: Wir sind Demokraten, aus Überzeugung, und wir sind es bedingungslos. Wer aus der Beschreibung einer Hyperdemokratisierung den Vorwurf erhebt, wir seien nicht demokratisch, der hat unsere philosophische Betrachtung nicht verstanden. Es steht zwar jedem frei, diese Meinung zu haben, es ist aber – wie schon Parmenides feststellte – sehr weit weg von der Wahrheit.
In diesem Buch wird überhaupt gar keine Position zur „optimalen Staatsform“ eingenommen. Unser Spielfeld ist ausschließlich die Philosophie zur neuen und klaren Führung. Dazu betrachten wir das gesellschaftliche Umfeld als wesentlichen Einflussfaktor auf die Einstellungen der Führungskräfte und Mitarbeiter in Unternehmen. Was von uns unter dem Terminus Hyperdemokratisierung gefasst wird, sind grundsätzliche Fehlentwicklungen in unserer gesellschaftlichen Ordnung, die zu extremer Komplexität führen und echtem Fortschritt und jeder Dynamik entgegenstehen. Es sind dies Aspekte wie: Zu viel Führungsansprüche, eine ausufernde Meinungsvielfalt und ein nahezu unbegrenzter Anstieg an staatlichen und halbstaatlichen Institutionen sowie einer Explosion an Experten. Es geht um eine kritische Auseinandersetzung mit einem Übermaß an Verantwortlichen, mit nicht immer fundierten Ansichten zu den Aspekten des Fortschritts. Nur die gefährlichen Spitzen, die man als Übertreibung und Fehlentwicklung identifizieren kann, werden mit dem Begriff Hyperdemokratisierung belegt. Sie sind aber noch Bestandteil des gesellschaftlichen Verständnis von Führung.
Doch die Hyperdemokratisierung scheint ein Maximum erreicht zu haben. Der Wunsch nach geordneten politischen Strukturen und schnelleren und weitreichenden Entscheidungen zur Sicherung des Fortschritts wird immer deutlicher. Ohne das das Phänomen der Hyperdemokratisierung vielen bewußt ist, wird doch immer häufiger der Wunsch nach stärkerer Führung artikuliert. Das vage Gefühl, dass sich etwas ändern muss, um wieder voran zu kommen, wird allerdings häufig mit falschen Forderungen verknüpft. Die Forderung nach dem „Starken Mann“ löst das Problem nicht. Jeder talentierte und fachlich versierte Politiker muss in einem hyperdemokratischen Umfeld scheitern. Auch erfolgreiche Geschäftsleute können in der Politik nicht punkten. Es fehlt an Machtmitteln, um sich durchzusetzen. Die sachlich richtigen Wege, um eine Hyperdemokratisierung zu überwinden wären: Erstens, eine Bündelung von Kompetenzen durch Reduktion der fragmentierten politischen Institutionen. Demokratie wird nicht durch den einfachen Anbau immer neuer politischer Einheiten besser. Viel hilft nicht immer viel. Zweitens, muss die Ausprägung von Demokratie als dynamisches Phänomen verstanden werden. Demokratie ist nicht ein statisches Sein, sondern besteht aus dem Kampf gegensätzlicher Ansichten. Das Verständnis von Demokratie befindet sich ebenso im ständigen Wandel, wie alle anderen Phänomene der wahrnehmbaren Welt. Es ist notwendig, die politische Kultur von einem exzessiven Individualismus zu befreien und wieder in Richtung von größeren Koalitionen zu bewegen. Die Gemeinschaft fordert ebenso ihr Recht wie der einzelne Bürger. Die politischen Diskussionen sollten nicht länger in der Komplexität eines Klein-Klein ersticken. Dazu ist das Thema Fortschritt als politische Zielrichtung hervor zu heben, und es sind wichtige Weichenstellungen mit großem Veränderungspotential zu definieren. Fortschritt sollte zu einem herausragenden Zielpunkt der Gesellschaft werden.
Mit den erhofften, wie schon teilweise sichtbaren Veränderungen, ergibt sich auch ein neues Bild der Führung. Neue Führung sollte nicht bedeuten, individuellen Wünschen in übertriebener Weise nachzukommen. Es gilt, Koalitionen oder Teams mit einer gemeinsamen Ausrichtung zu bilden, die miteinander am Fortschritt arbeiten. Die Überwindung der Hyperdemokratisierung zeigt wirklichen Mehrwert, denn die Nachteile dieser Situation wie eine unüberschaubare Komplexität, inkrementelle, aber nicht grundlegende Verbesserungen, zu langsame und damit häufig unwirksame Entscheidungen und ein Verlust von Wettbewerbsvorteilen werden zugunsten der Zukunft und des Fortschritts überwunden.