Mythen sind überall

Wird unsere Zeit beschrieben, fallen häufig Worte wie „aufgeklärte Gesellschaft“ oder „Wissensgesellschaft“. Die Begriffe werden genutzt, ohne sie näher zu erläutern. Ihr Einfluss auf die moderne Führung wird überall behauptet, ohne dass die Zusammenhänge erklärt werden. Sind Führung und die gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen damit nicht ein Mythos. Der Mythos ist ein Gemeingut, das keine gesicherte Herkunft kennt. Es gibt keinen Verfasser und keinen verbrieften Überbringer der Botschaften. Seine wesentliche Eigenschaft ist – gestern wie heute ‑ die Unantastbarkeit der mit ihm verbundenen Wahrheiten.

Der Begriff des Mythos hat einen archaischen Ursprung und wird gerne mit Göttern und Heldengeschichten der Frühzeit in Zusammenhang gebracht. Doch auch in der modernen Welt gibt es eine ganze Reihe von Mythen. Personen, Ideen, Ereignisse oder Begriffe von öffentlichem Interesse können zu jeder Zeit zum Mythos erhoben werden. So sind das deutsche Wirtschaftswunder und die soziale Marktwirtschaft mittlerweile viel beschworene Mythen und nicht selten wird an die Tugenden dieser Zeit appelliert. Ebenso haben Begriffe wie Globalisierung und Wachstum einen mythischen Charakter. Kultfiguren aus Wirtschaft, Politik Kultur und Sport werden zunehmend verklärt und erhalten damit einen mythischen Charakter. Kein Zweifel: Mythen sind in der modernen Welt genau so gegenwärtig wie in der Antike.

Ein moderner Mythos ist von allen wirtschaftlichen Gruppen und in allen Unternehmen anerkannt. Es ist der Mythos Führung! Wir wissen eigentlich gar nicht was Führung bedeutet. Die Begriffsbestimmung ist nämlich ebenso facettenreich wie die konkreten Ausprägungen von Führung. Wir kennen keinen Erfinder von Führung und wir haben keine klaren Ansätze in der Organisation und in Bezug auf die handelnden Personen, die Führung eindeutig beschreiben könnten. Dennoch haben wir ein tiefes Empfinden, was denn Führung ist und welche Ausprägung wir gerade jetzt benötigen, um die schwierigen Situationen auf den Weltmärkten zu beherrschen. Daher verklären wir Persönlichkeiten als Idealtypus der Führungskraft und geben bestimmten Sichtweisen ‑ wie z.B. dem Shareholder- Value ‑ einen geradezu mythischen Charakter.

Mythen reduzieren Komplexität

Können sich in unserer Zeit tatsächlich Mythen bilden? Haben wir nicht einen viel zu hohen Bildungsgrad, um Annahmen unserer Zeit nicht zu hinterfragen? Ich meine es gibt nach wie vor Mythen, die sich neu heraus bilden. Wir leben ja in einer komplexen Welt. Wir sind umgeben von gesellschaftlichen, politischen, technologischen und religiösen Gegebenheiten. Die Situation, so wie sie jetzt ist, ist über Jahrtausende entstanden. Da kann man nicht jede Entwicklung im einzelnen Verstehen und nicht jegliche Rahmenbedingung mit Wissen durchdringen. Das „Nicht-Hinterfragen“ ist eine Art der Komplexitätsreduktion. Man nimmt es, so wie es ist. Wir akzeptieren unsere Umwelt und richten uns auf ein gutes Leben in den aktuellen Gegebenheiten ein. Das ist gar nicht mal dumm, sondern ein sehr ausgeklügelter Überlebensmechanismus. So entstehen auch in einem aufgeklärten Umfeld immer neue Mythen.

Warum man Mythen hinterfragen sollte

Warum sollen wir gerade jetzt damit beginnen, unsere Umweltfaktoren zu hinterfragen ? Ist es an der Zeit für eine neue Aufklärungswelle in einem ohnehin schon aufgeklärten Europa ? Ich meine ja ! Wenn denn die vielen Autoren, die sich zu Führung auslassen, Recht haben, stehen wir doch an der Schwelle zu ganz besonderen gravierenden Veränderungen. Wenn sich eine neue globale und digitalisierte Welt formt, werden sich viele Rahmenbedingungen ändern. Also müssen wir diese Veränderungen doch verstehen, oder besser noch gestalten. Natürlich können die Unternehmen auch innerhalb der sich wandelnden Umwelt mitschwimmen. Doch Fortschritt und Innovation sind doch Neuerungen oder Neuschöpfungen. Es ist die bewußte Gestaltung des „Neuen“. Dazu muß man wesentliche Veränderungen frühzeitig erkennen. Besser noch sollten die Unternehmen Neuerungen vorantreiben und neue Perspektiven eröffnen. Dazu muß man das Althergebrachte hinterfragen und außerhalb der gegebenen Begrenzungen der Erfahrungen neu denken.

Das wesentliche Merkmal des Mythos ist es, dass die mit ihm verbundenen Inhalte eine hohe autoritative Kraft haben, ohne dass ein näheres Hinterfragen der Aussagen erfolgt oder gar als notwendig erachtet wird. Der Mythos lebt von seiner emotionalen Bindungskraft und stellt diese Funktion der rationalen Auseinandersetzung gegenüber. Das ist der Grund, warum die klassische Philosophie, die den Logos und das rationale Denken in den Mittelpunkt gestellt hat, den Mythos bekämpft hat. Heute stehen wir wieder an einem Punkt, wo eine Auseinandersetzung mit dem modernen Mythos Führung notwendig ist, und wo eine neue Rationalität die gemeinhin anerkannten Grundlagen in den Unternehmen hinterfragen muss.